Der einsame Revoluzzer

Plätscher, Rausch und Phiuuu. Die Geräusche der Natur. Seine Hände und Füsse, der Fluss und der Wind waren seine einzigen Beobachter und treuen Gefährten. So wie er da am Fluss sass, seine Füsse gemütlich im Wasser treiben lassend, hätte ein Aussenstehender möglicherweise gedacht, er würde planschen; Nach einem langen Arbeitstag voller Stress und Sorgen seine Seele und Beine baumeln lassen.

In Wahrheit jedoch was dies sein einziger Lebenszweck. Gerade schöpfte er wieder eine Handvoll Wasser und goss sie über die ihn umgebenden Gewächse. Eines Tages, so sagte er sich, wird mein Bestreben Früchte tragen. Ich lasse mich von nichts unterkriegen, nicht vom Schicksal oder der Wissenschaft, nicht von Rationalität oder Glauben, von gar nichts! Diese Welt, in der ich lebe, ist veränderlich! Wenn wir uns anschicken, an den Grundpfeilern der Erde zu rütteln, kann mir dieser Fluss kein Hindernis sein! Er muss weichen! Selbst wenn nicht heute, dann doch morgen, oder übermorgen, aber sicher, irgendwann bring ich ihn zum Versiegen, das schwöre ich bei Gott!

Da er von Hunger und Durst geplagt wurde, entschied er sich bald, das Flusswasser statt ins Unkraut in seinen Rachen perlen zu lassen und Fische zu fangen, schöne, frische Fische. Fast war er schon versucht, seinen ersten Fang roh zu verspeisen, als er sich erinnerte. Er machte ein Feuer, grillte den Fisch und genüsslich speisend kniete er am Flussrand. Doch trotz alledem hörte er nicht mit seinem Vorhaben auf, obwohl Wasser wie Fische ihm zusehend ans Herz wuchsen.

Es rauschten dreizehn Jahre den Fluss hinab, und das Auge des aufmerksamen Betrachters hätte genau die gleiche Szenerie vorgefunden wie anno dazumal.  Müde und erschöpft wollte er sich erheben, um seinem täglichen Ritus des Schlafes nachzukommen, als er ausrutschte und Nase voran in den Fluss fiel. Und es war eigenartig; hatte ihn der Fluss doch davor ganze zehn und drei weitere Jahre nur geduldet und ganz knapp ernährt, rissen ihn die wilden Fluten nun an sich, hielten ihn fest umschlossen, seinen Körper von allen Seiten liebevoll streichelnd; sein sowieso schon hoch  erregtes Gemüt noch weiter in Wallung zu bringen. So küssten sie ihn heftig und mit brennender Inbrunst und ga­ben ihn, selbst als ihm schliesslich der Atem von der fortlaufend verlangenden Liebe wegblieb, nicht mehr frei.

So kam es nun, dass eine unidentifizierbare Leiche im Leichenschauhaus der Polizei landete. Da diese als Wasserleiche potentiell Opfer einer Gewalttat geworden sein konnte, sezierten ihn die gelehrten chirurgischen Mediziner vor Ort äusserst gründlich, fanden in ihm jedoch nichts ausser den Überresten seiner letzten Mahlzeit, die Gräten einer Regenbogenforelle, Oncorhychus mykiss, sie wäre bestimmt lecker gewesen, jaja, das war sie ganz bestimmt. Und lachend nimmt der Alltag seinen Lauf.

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